Zur Geschichte des Gebäudes

Bild der Synagoge in der Oranienburger Straße"Pitchu schearim wejawo goi zadik schomer emunim"

"Tuet auf die Pforten, daß einziehe ein gerechtes Volk, das bewahret die Treue", so hat der aus Glogau stammende, in Prag und später in Berlin wirkende Prediger Michael Sachs (1808-1864) die Worte des Propheten Jesaja (26,2) übersetzt. Seit dem 5. September 1991 prangen sie wieder in goldenen hebräischen Worten über dem Hauptportal der Neuen Synagoge in der Oranienburger Straße.

Es war ebenfalls ein 5. September - im Jahre 1866 -, als die Neue Synagoge feierlich eröffnet wurde. Den preußischen König konnte der Gemeindevorstand zwar nicht begrüßen - gemeinsam mit seiner Gattin Augusta hatte Wilhelm I. bereits im Dezember 1865 den Rohbau besichtigt -, aber die "Allgemeine Zeitung des Judentums" vermerkt dennoch nicht ohne Stolz, welche Prominenz durch ihr Erscheinen dem Ereignis politischen Glanz und Gewicht verlieh: "Der stattliche, strahlende, dreifach gegliederte Raum war von der jüdischen Gemeinde und den eingeladenen Gästen dicht gefüllt. Unter Letzteren bemerkten wir den Minister-Präsidenten v. Bismarck, den Minister v.d. Heydt, den Grafen Wrangel, den Polizei-Präsidenten v. Bernuth, den Geheimen Rath Lüdemann, die Mitglieder des Magistrats und der Stadtverordnetenversammlung. ...".

Auf über 25.000 Personen war die Jüdische Gemeinde um die Mitte des 19. Jahrhunderts angewachsen. Der Platz in den bestehenden Synagogen reichte, vor allem zu den Feiertagen, längst nicht mehr aus. Ein Neubau scheiterte jedoch zunächst am Widerstand orthodoxer Gemeindemitglieder, die wohl nicht ganz zu Unrecht eine Reform des Kultus' befürchteten. Erst mit der Neuwahl des Vorstandes 1850 und dem unaufhörlichen Anwachsen der Zahl der jüdischen Einwohnerschaft wurde ein Synagogenneubau ernsthaft erwogen. Der König schlug als Standort den heutigen Berliner Bezirk Kreuzberg vor, eine damals weitab gelegene Gegend. Die Gemeinde lehnte jedoch ab und beharrte stattdessen auf der Spandauer Vorstadt, dem traditionellen Wohngebiet der jüdischen Bevölkerung. Bereits 1856 hatte die Gemeinde das Grundstück Oranienburger Straße 30 gekauft, dort sollte schließlich gebaut werden.

Bild der Synagoge in der Oranienburger StraßeMit dem Entwurf beauftragt wurde Eduard Knoblauch, er löste hervorragend die Schwierigkeiten, die das Grundstück für die Errichtung eines Kultbaues bereitete. Die Straße verläuft im spitzen Winkel zur Grundstücksachse, diesen "Schwenk" zu verschleiern gelang Knoblauch durch eine zwölfeckige Vorhalle, die mit seitlichen Türmen und Kuppeln die schmale Straßenfront optimal ausfüllte. Über der Vorhalle befand sich der Repräsentantensaal, darüber schließlich wölbte sich die weithin sichtbare Hauptkuppel mit dem Magen David. Die Gottesdiensträume legte der Baumeister in die Tiefe des Grundstücks, dank der beindruckenden Architektur wurde die Richtungsänderung in genialer Weise kaschiert. Durch die Vorhalle, das anschließende Männervestibül und die folgende Vorsynagoge, in der die Gottesdienste an Wochentagen stattfanden, gelangte der Besucher schließlich nach mehr als 40 Metern in den Hauptraum der Synagoge. Knoblauch hatte ihn als dreischiffige Basilika mit an drei Seiten umlaufender Empore gestaltet, die über 3.200 Personen Platz bot. Im Osten wurde der Raum durch die Apsis mit dem Aron haKodesch und der Sängerempore abgeschlossen. Zeitgenössische Berichte, wie der in der "Vossischen Zeitung" vom 6.9.1866, überschlagen sich in der Beschreibung der prachtvollen Innenausstattung: "Das Licht strömt (...) durch die bunten Scheiben magisch gedämpft und verklärt. Decke, Wände, Säulen, Bögen und Fenster sind mit verschwenderischer Pracht ausgestattet und bilden mit ihren Vergoldungen und Verzierungen einen wunderbaren, zu einem harmonischem Ganzen sich verschlingenden Arabeskenkranz von feenhafter, überirdischer Wirkung."

Bild der Synagoge in der Oranienburger StraßeWenngleich sich der Baustil der Neuen Synagoge nicht eindeutig einer bestimmten Richtung zuordnen läßt, so sind doch orientalische Formen und Elemente unverkennbar. Besonders in der Ornamentik, wie dies noch an den wenigen bis heute erhaltenen und sorgsam restaurierten Elementen erkennbar ist, haben sich Eduard Knoblauch und sein Nachfolger August Stüler vom maurischen Stil der Alhambra in Grenada inspirieren lassen. Die orientalischen Formen verwiesen auf den Ursprung der jüdischen Religion, das war ein sowohl von christlicher als auch jüdischer Seite durchaus gewünschtes Signal. Für Juden waren sie Ausdruck ihres Selbstbewußtseins, sich auch in nicht-jüdischer Umgebung zu den eigenen Wurzeln zu bekennen.

Bild der Synagoge in der Oranienburger StraßeAuf christlicher Seite wandelte sich leider die Anerkennung dieses Rechtes der Juden zunehmend in Neid, der nicht selten in offen antisemitische Polemik mündete. Heinrich v. Treitschke sprach 1864 aus, was viele andere dachten: "Der deutsche Jude muß also im deutschen Staate auch im deutschen Style bauen". Und noch weiter ging er 1879: "... erwägt man die charakteristische Tatsache, daß das schönste und prächtigste Gotteshaus der deutschen Hauptstadt eine Synagoge ist - was natürlich nicht den Juden, sondern den Christen zum Vorwurfe gereicht -, so läßt sich schlechterdings nicht in Abrede stellen, daß die Juden in Deutschland mächtiger sind als in irgend einem Lande Westeuropas."

Während des als "Reichskristallnacht" in die Geschichte eingegangenen Pogroms vom 9. November 1938 wurde auch die Neue Synagoge in der Oranienburger Straße geschändet. Dank dem Eingreifen des Polizeioberleutnants Wilhelm Krützfeld, damals Reviervorsteher am Hackeschen Markt, wurde ein größerer Brand jedoch verhindert. Das Pessachfest 1939 konnte noch gefeiert werden, der 30. März 1940 war der letzte Tag, an dem sich die Pforten der Neuen Synagoge zu einem Gottesdienst während der Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten öffneten. Die Nazis mißbrauchten das Haus als Lagerhalle für die Wehrmacht, bei einem britischen Luftangriff Ende November 1943 wurde das Gebäude schließlich durch Bomben schwer beschädigt.

Bild der Synagoge in der Oranienburger StraßeNach dem Krieg und der Befreiung durch die Rote Armee im Frühjahr 1945 waren von den rund 170.000 Juden, die 1933 in Berlin gelebt hatten, nur noch knapp 8.000 übriggeblieben. Verständlicherweise galt ihr Hauptaugenmerk, soweit sie überhaupt in der Stadt und in Deutschland bleiben wollten, zunächst nicht dem Wiederaufbau der einst größten und schönsten Synagoge Europas. Die Ruine des Hauptraumes wurde im Sommer 1958 gesprengt, ebenso wurde die schwer beschädigte Kuppel aus Sicherheitsgründen abgerissen. Ab 1961 wandten sich Vertreter der Ostberliner Jüdischen Gemeinde immer wieder an die staatlichen Stellen der DDR mit der Bitte, die Überreste der Synagoge als Erinnerung und Mahnung für alle Zeiten zu erhalten und ein Museum an diesem Ort zu errichten.

Erst 1988, im Zusammenhang mit dem Gedenken an den Novemberpogrom von 1938, wurden die Vorschläge erhört. Sie paßten in das außenpolitische Konzept der DDR, sich weltweit als judenfreundlich zu präsentieren. Die Stiftung "Neue Synagoge Berlin - Centrum Judaicum" wurde gegründet, und mit großem propagandistischem Aufwand fand am 10. November 1988 die symbolische Grundsteinlegung für den Wiederaufbau statt. Zwei Jahre später - inwischen hatte die Wende die geteilte Stadt und damit auch die Jüdische Gemeinde wieder vereint - konnte das Richtfest gefeiert werden. Im Angesicht der Richtkrone auf dem Stahlskelett der Hauptkuppel sprach Gemeindevorsitzender Heinz Galinski s.A. von einem großen Fest für die Silhouette Berlins und dem Wunsch, Judentum wieder einkehren zu lassen, wo es einst beheimatet war. Seit Juni 1991 leuchtet der goldene Magen David wieder auf der Kuppel, die mit ihren blau schimmernden Glasverkleidungen und den ebenfalls vergoldeten Streben längst wieder zum Stadtbild Berlins gehört.

Im Mai 1995, im Rahmen der Feierlichkeiten zum 50. Jahrestag der Befreiung Deutschlands vom Nationalsozialismus, wurde die Neue Synagoge schließlich wieder für die Öffentlichkeit zugänglich. Seitdem stehen die Pforten weit auf für Besucher, die in den Räumen des Centrum Judaicum der Geschichte des Gotteshauses, der Blüte, der Zerschlagung und dem Neubeginn jüdischen Lebens in Berlin nachspüren können. Die Jüdische Volkshochschule hat ebenso Platz in dem Neubau wie die Bibliothek sowie ein Teil der Verwaltung der Jüdischen Gemeinde. Und schließlich zieht auch die kleine Synagoge im 3. Stock eine zunehmend größere Schar von Betern nicht nur aus der Berliner Jüdischen Gemeinde, sondern auch aus dem Ausland an.

Evelyn Bartolmai

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